Wanderfalter
Einführung
Alljährlich im Herbst versammeln sich viele unserer einheimischen Singvögel, um gemeinsam in Richtung Süden
zu ziehen und den Winter im milden Afrika zu verbringen. Wenn dann bei uns die Frühlingssonne die letzten Schneereste
vertrieben hat, kehren die Zugvögel nach Deutschland zurück, um hier den Sommer über zu brüten. Das
bekannte Sprichwort »Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer« spielt auf das alljährliche und vielen
bekannte Zugverhalten unserer Vögel an.
Was hingegen den meisten Menschen unbekannt ist und sich im ersten Moment auch geradezu unglaublich anhört: Es gibt auch Schmetterlinge, die ähnlich den Zugvögeln alljährliche Wanderungen durchführen! Diese sogenannten Wanderfalter breiten sich im Frühjahr nach Norden hin aus und erreichen Gebiete, in denen sie ursprünglich gar nicht vorkommen. Im Herbst setzt dann die Rückwanderung in den warmen Süden ein, wo die Schmetterlinge den Winter verbringen.
Einer der brühmtesten Wanderfalter dürfte der oben abgebildete Monarch (Danaus plexippus) sein, der ursprünglich in Nordamerika lebt. Die Falter verbringen dort den Winter im warmen Mexiko und fliegen mit dem Einsetzen des Frühlings in Richtung Norden, wo sie den Süden Kanadas erreichen. Dort paaren sie sich im Verlauf des Sommers und legen ihre Eier ab. Der Nachwuchs fliegt dann im Herbst zurück in die mexikanischen Winterquartiere.
Bemerkenswert daran ist, daß es einem kleinen Schmetterling wie dem Monarch überhaupt möglich ist, Tausende von Kilometern zurückzulegen! Darüber hinaus fliegen die Falter in jedem Jahr dieselbe Strecke und rasten an immer denselben Stellen, wo sie alljährlich von staunenden Schaulustigen erwartet werden. Hin und wieder kommt es sogar vor, daß Monarchfalter von geeigneten Winden über den Atlantischen Ozean befördert werden und dann vermehrt im Süden Irlands und Englands oder sogar in Belgien und den Niederlanden auftauchen! In diesem speziellen Fall kann man dann aber nicht von einer gezielten Wanderung sprechen, sondern eher von einer unbeabsichtigten Windverfrachtung.
Nicht nur in Amerika, auch in Europa gibt es Wanderfalter, wenngleich das Zugphänomen hier etwas anders ausgeprägt ist. Das Problem europäischer Wanderfalter liegt darin, daß die Hochgebirgszüge wie Alpen oder Pyrenäen in Ost-West-Richtung verlaufen und bei der Wanderung von Nord nach Süd bzw. umgekehrt ein bedeutendes Hindernis darstellen. Aus diesem Grund ist das Wanderverhalten europäischer Arten nicht so stark ausgeprägt wie zum Beispiel beim Monarch. Dennoch gibt es auch bei uns in Deutschland Schmetterlinge, die im Frühjahr aus dem Mittelmeergebiet oder Nordafrika einwandern, um sich hier während des Sommers fortzupflanzen. Die Nachkommen der Einwanderer fliegen dann im Herbst wieder in den Süden zurück oder gehen auf Grund der einsetzenden niedrigen Temperaturen zugrunde.
Einheimische Wanderfalterarten
Einer unserer bekanntesten Wanderfalter ist der
Distelfalter (Vanessa cardui),
der in Deutschland normalerweise den Winter nicht überstehen kann, aber in jedem Jahr ab etwa Mai aus Afrika und
Südeuropa zu uns einwandert. Allerdings wandern die Tiere nicht in großen Schwärmen, sondern einzeln, so daß
die Wanderung des Distelfalters relativ unauffällig geschieht und als solche meist gar nicht wahrgenommen wird. Wandernde
Falter erkennt man daran, daß sie ohne Aufenthalt knapp über dem Boden geradlinig in Richtung Norden (Frühjahr)
bzw. Süden (Herbst) fliegen und sich dabei auch durch Hindernisse nicht stören lassen, die einfach überflogen werden.
Anders als beim Monarch in Nordamerika ist das Wanderverhalten des Distelfalters nicht unbedingter, fester Bestandteil des Lebenszyklus', sondern besitzt eher den Charakter einer spontanen Ausbreitung auf Grund der sich darbietenden ökologischen und klimatischen Gegebenheiten. Aus diesem Grund sieht man den Distelfalter bei uns auch nicht in jedem Jahr in gleicher Zahl, sondern sein Auftreten ist starken Schwankungen unterworfen. In warmen, trockenen Sommern sieht man ihn überall in großer Zahl, und er gehört dann zu unseren häufigsten Schmetterlingen. In kühlen, verregneten Jahren hingegen sieht man nur sehr wenige oder mitunter gar keine Distelfalter.
Als kräftiger Wanderfalter ist der Distelfalter im übrigen über die gesamte Erde verbreitet mit Ausnahme Südamerikas und natürlich der Antarktis, wo es gar keine Schmetterlinge gibt. In Europa ist er nur im Mittelmeergebiet bodenständig, erreicht aber in günstigen Jahren den Norden Skandinaviens und in seltenen Fällen sogar Island. In Deutschland findet man die Falter in der Regel ab Mai. Häufiger sind sie dann meist im Hochsommer, wenn die Nachfolgegeneration der Einwanderer aus den Puppen geschlüpft ist und sich weiter ausbreitet. Im Herbst fliegen die Falter in den Süden zurück oder gehen durch die niedrigen Temperaturen zugrunde. Nur in Einzelfällen mag ein Distelfalter in Deutschland auch einmal einen besonders milden Winter überstehen können.
Ein weiterer, bekannter Wanderfalter ist der
Admiral (Vanessa atalanta),
der zugleich einer unserer häufigsten Schmetterlinge ist. Im Gegensatz zum Distelfalter ist der Admiral aber nicht so
frostempfindlich und kann daher in milden Jahren auch in größerer Zahl in Deutschland den Winter überdauern.
Solche überwinterten Falter kann man dann oft schon im März in den ersten Strahlen der Frühlingssonne umherfliegen
sehen. Überhaupt hat der Admiral die Eigenheit, auch an milden Wintertagen selbst bei bedecktem Himmel das
Überwinterungsquartier vorübergehend zu verlassen und umherzufliegen. So konnte ich selbst bereits einmal einen Admiral
im Januar beobachten, der trotz Wolken und nur 10° Lufttemperatur durch ein offenes Fenster ins Haus geflogen war.
Im Verlauf des Frühlings werden die überwinterten Admirale dann von Einwanderern aus Südeuropa begleitet, die in zunehmender Zahl den Weg nach Mittel- und Nordeuropa finden. Während des Sommers können die kräftigen Wanderfalter durchaus den Norden Skandinaviens erreichen, und die Nachfolgegenerationen haben sich in Mitteleuropa dann weiter ausgebreitet und machen den Admiral besonders im Spätsommer zu einem unserer häufigsten Schmetterlinge. Ab Mitte September setzt schließlich die Rückwanderung in den Süden ein. Auch der Admiral wandert nicht in Schwärmen, sondern einzeln. Jedoch kann der "Rückwanderbetrieb" so starke Ausmaße annehmen, daß mitunter mehrere Falter in der Minute den Beobachter in Richtung Süden überfliegen. Die Rückwanderung zieht sich in schwankender Intensität in der Regel bis in den späten Oktober hin.
Auch beim Admiral erkennt man wandernde Falter daran, daß sie ohne Aufenthalt zielstrebig und knapp über dem Boden in Richtung Süden bzw. Norden fliegen. Hindernissen wie Hügeln oder Bäumen wird nicht ausgewichen, sondern sie werden in knappem Abstand überflogen. Überhaupt scheinen sich wandernde Admirale durch nichts aufhalten zu lassen. Selbst wenn ihnen ein starker Sturm entgegenbläst, fliegen sie unbeirrt und auch erfolgreich dagegen an. Selbst ein leichter Nieselregen scheint ihnen nichts auszumachen!
Während die vorangegangenen Arten alljährlich in großer Zahl einwandern, haben wir mit dem
Postillon (Colias crocea)
einen sehr seltenen Gast vor uns. Auch er ist im
Mittelmeergebiet und in Nordafrika bodenständig und kann in Deutschland den Winter in der Regel nicht überdauern. Im
Gegensatz zu Distelfalter oder Admiral fliegt der Postillon im allgemeinen aber nur in sehr kleiner Zahl nach Mitteleuropa ein
und erreicht nur in seltenen Fällen die Britischen Inseln und den äußersten Süden Skandinaviens. Nur in ganz
wenigen Jahren tritt der Postillon auch einmal massenhaft auf, zuletzt im Jahr 2003.
Die größte Aussicht, einen Postillon anzutreffen, ergibt sich im Spätsommer von etwa August bis Oktober. Dann nämlich sind die Populationen stark angewachsen und haben sich weit ausgebreitet. Im Süden Deutschlands sind die Chancen naturgemäß am größten, doch auch in Nordhessen bin ich schon einmal einem Postillon begegnet. Man sieht die Falter meist an trockenwarmen, blütenreichen Stellen, wo sie gern an den Blüten von Rotem Klee oder Luzerne saugen. Sie sind jedoch wie die meisten Wanderfalter sehr ungestüm und lassen sich selten länger als für ein paar Sekunden nieder.
Neben den sogenannten Saison-Wanderern, zu denen die drei vorgestellten Arten gehören, gibt es auch noch die Binnen-Wanderer und die Irrgäste. Zu den Binnen-Wanderern werden diejenigen Arten gezählt, die im Verlauf des Sommers innerhalb ihres Verbreitungsgebietes wandern und sich ausbreiten. Zu ihnen gehören unter anderem der Schwalbenschwanz (Papilio machaon) oder das Tagpfauenauge (Nymphalis io), die zwar in ganz Deutschland bodenständig sind, aber dennoch regelmäßig Wanderungen unternehmen, um neue Lebensräume und Futterquellen zu erschließen. Die Irrgäste schließlich "verirren" sich nur selten und unabsichtlich einmal nach Deutschland oder werden verschleppt bzw. vom Wind verfrachtet. Zu ihnen zählen zum Beispiel der Langgeschwänzte Bläuling (Lampides boeticus) oder der Östliche Große Fuchs (Nymphalis xanthomelas). Auch die hin und wieder auf den Britischen Inseln beobachteten Monarchfalter (Danaus plexippus) dürfen zu den Irrgästen gezählt werden.
Links zum Thema
- Wanderfalter-Forum von Science4you
- Artikel über Wanderfalter auf Wikipedia